Manfred Klein - das Interview
 
1) Ausbildung und Beruf
2) Günter Gerhard Lange
3) Kleins Fonteria
4) Familie und Philosophie
 
Manfred @ typOasis
 
 
 Manfred, wann hast du wo deine Setzer-Ausbildung gemacht und was zog dich zur Typografie?
1947, zwei Jahre nach dem Krieg, wurde ich 15 und bin nicht mehr zur Realschule zurückgekehrt. Ich sollte Abitur in vier Jahren in einem Berliner Sonderkurs machen - vom Lehrer empfohlen. Jahrelang hatte ich mit Gummistempel Einzelbuchstaben gesetzt, war eine Leseratte, wollte keine Lehre im Berliner ›Roten Rathaus‹ machen. Es trieb mich zur Setzerlehre, mehr intuitiv als informiert, denn ich kannte niemanden, der mir alles hätte erklären können.
So bewarb ich mich beim ›Kurier‹, der Zeitung der französischen Besatzungsmacht mit Druckerei (deutsche Firma + Filiale der Imprimerie National, wo der französische Bedarf für Deutschland, speziell für die Armee, gesetzt und gedruckt wurde).
Zum Lehrprogramm, speziell auch in der Berufsschule, gehörte das Gestalten von Seiten, z.B. Formulare, Urkunden und Akzidenzen, auch Bücher. Nebenbei, Setzer genossen früher ein Privileg höherer Bildung, sie durften Degen tragen, eine Art Dolch.
     
Die Gehilfenprüfung, die der handwerklichen Gesellen-prüfung entspricht, umfasste neben Geschwindigkeits-Setzen (Ziel: 1500 Zeichen pro Stunde!) auch Gestaltungs-Jobs wie Entwurf und Satz - so war es seit Gutenberg üblich.
Font: Typesetters TV
 
Manfred 1974
 
Du hast im Dutzendjährigen Reich das Frakturverbot und den Nonsens mit der ›Schwabacher Judenletter‹ erlebt, was kannst du uns darüber erzählen?
Ich kann für mich selbst nur sagen, dass ich begeistert in Arnswalde, unweit Stettin, in der ›Deutschen Hauptschule‹ ab 1942 anfing, Englisch zu lernen. Dieser Sprachunterricht war politikfrei und machte Spaß bis zum th-Drill: »Kinn vorschieben und Tzunge zwischen die Tzähne.«
Dass wir eine zweite Schriftart lernten nach Sütterlin - nun, Lateinisch war nur eine weitere Lerneinheit, diesen Kulturbruch habe ich mit 10 gar nicht mitbekommen und die Erwachsenen auch nicht: die einen glaubten an ›Endsieg‹, die anderen ahnten das fürchterliche Ende. Ich auch. Außerdem mussten die Frakturbücher nicht auch noch verbrannt werden, die alten Schriften begleiteten uns weiter. Der Kulturschock der Schriften wurde mir wohl erst mit Beginn der Lehrzeit allmählich bewusst (gemacht?).
 
Ich kann es mir kaum vorstellen - wenn ab morgen alle Serifenschriften verboten wären, hätte ich ein echtes Problem damit.
Russisch lernen müssen wäre schwieriger. Wir sahen 1945 Kyrillisch täglich auf Sieger-Billboards, aber die Russen waren so realistisch, alles auf Deutsch - lateinisch - dazuzuschreiben. »Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt bestehen«, O-Ton Stalin, Mai 1945, hundertfach auf Berlins Straßen. Es tröstete ein wenig, denn Hitler wollte tatsächlich, dass dieses undankbare Volk verende.
 
 Glücklicherweise ist euch das erspart geblieben ... Wie ging es nach deiner Ausbildung typografisch mit dir weiter?
Um 1950 besuchte ich Abendkurse für Gestaltung (IG Druck und Papier, heute bei Ver.di) und Günter Gerhard Lange.
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