Interview: Vorläufiger Abschied

Einerseits haben Sie sich den besten Zeitpunkt ausgesucht, diese Welt zu verlassen, denn nach 1934 war es nicht mehr die Ihre. Andererseits wüßten wir natürlich zu gern, wie die Fortsetzung Ihrer Arbeit ausgesehen hätte.

Ich plante ja immer noch den Druck einer Altarbibel, dieses Thema hätte mich in den folgenden Jahren sicher beschäftigt. In der Schriftentwicklung wollte ich die neu entwickelte Schlichtheit auf die Antiqua übertragen, wie sie im Ansatz schon in der Marathon zu erkennen ist. Mein Schüler Post ging mit seiner Antiqua 1940 einen ähnlichen Weg.

Wie schätzen Sie den Stellenwert der deutschen Schrift in der Gegenwart ein?

Nach meinem damaligen Verständnis war die deutsche Schrift ein Symbol der eigentümlichen Sendung des deutschen Volkes, das unter den Kulturvölkern das Besondere, das Eigentümliche, das Vaterländische in allen Äußerungen des Lebens nicht nur zu verteidigen, sondern als ein Muster und Beispiel ihnen vorzuleben hatte.

Bedingt durch die historischen Ereignisse bis 1945 hat das deutsche Volk den Anspruch auf diesen Auftrag verwirkt. Nun muss es eine neue, eine andere nationale Identität entwickeln, ein Selbstverständnis innerhalb der europäischen Gemeinschaft. Es gibt derzeit noch keine echte Souveränität auf der Grundlage der gesamten deutschen Geschichte, nur ein mehrheitliches „nie wieder”, das von den braunen Jahren geprägt ist.

So wie wir es von unseren Gutmenschen kennen, die gotische und Frakturschriften als „Nazischriften” pauschal verdammen?

Nun, Schriften sind geduldig und geben keine Widerworte. Diese Zeitgenossen sind bestrebt, die „richtige Meinung” zu haben, ihnen fehlt die erwähnte Souveränität, über den Zeitraum 1933-1945 hinaus zu sehen und deutsche Kulturgüter als gleichberechtigt zu betrachten neben anderen Werten Europas. Vor lauter Entsetzen über die Auswirkungen eines krankhaften Nationalwahns lehnen sie vorsichtshalber alles ab, was ihrer Meinung nach zu dessen Begriffswelt gehört.

Wie können wir in typografischer Hinsicht zur Neubewertung der Fraktur beitragen?

Schrift muss Formaussage eines Inhalts sein. Folgen Sie diesem Grundsatz und prüfen Sie bei der Entwicklung von Buchstaben, welchen Inhalt Sie zum Ausdruck bringen wollen, in welcher Art Elemente alter Schriftformen die Textaussage unterstützen könnten.

Die Zeiten der Fraktur als Gebrauchsschrift sind vorbei, deshalb sollten Sie auf ihren historischen Wert hinweisen. Nirgends wird heute mehr im gotischen Stil gebaut, aber die Schönheit der alten Kathedralen wird immer noch als solche empfunden – unabhängig vom modernen Baustil. Machen Sie die Schönheit der alten Schriften durch grafische Bauwerke sichtbar!

Bekanntlich waren Sie nicht an den Reichtümern dieser Welt interessiert. Wie sieht die Quintessenz Ihres arbeitsreichen Offenbacher Lebens für Sie aus?

Ob unsere Arbeit etwas gilt, ob sie schön ist, ob sie Dauer hat oder nicht, ob wir sie fröhlichen Herzens oder traurig tun, wenn wir nur ein kleines mitgewirkt haben am Heiligtum, wenn nur nicht alles wieder verworfen worden ist, was wir gesorgt und gearbeitet haben, ja, wenn nur ein einziges Sandkörnlein übergeblieben ist, so sind wir in Gnaden angenommen und tausendfach gesegnet.

(Channeling Medium: Petra Heidorn :)