Interview: Das Handwerk

Nach all diesen Abgründen wenden wir uns jetzt Ihrem Lieblings-Thema zu, dem „herrlich zeitraubenden” Handwerk.

Ich habe das bisweilen etwas kraus zutage gebracht, aber die Tätigkeit der Hand führt den Menschen in den Urzusammenhang des Lebens zurück. Das Ideen-Haben war mir eigentlich höchst verhasst, und nichts machte mich glücklicher als allein die stille Arbeit. Etwa 1921 hatte ich gedacht, ich würde bald aufhören, Schriften zu machen, aber mit dem Stempelschneiden fing ich erst an!

Sie haben beim Schnitt der Neuland ein eigenes Verfahren entwickelt, könnten Sie uns das erläutern?

Der übliche Stichel beschränkte sich auf die Wiedergabe einer Vorlage und war zur Hervorbringung plastischer Formen nicht geeignet. So versuchte ich mich an der alten Kunst des Stempelschneidens mit Hammer, Punze und Feile. Der Punzeneinschlag schafft dem Stempelschneider immer Überraschungen. Ist er beweglich genug, können solche unerwarteten Wirkungen zu den schönsten Lösungen führen.

Ja, spätestens nach der Jessen-Schrift hat Ihr Verfahren weltweit Aufsehen erregt, nicht zuletzt durch Ihren Eigensinn, die altmodische Art des Stempelschneidens –

Verzeihung, wenn ich Sie unterbreche, aber ich wollte nicht Fortschritt und neue Techniken bekämpfen. Mir ging es um das Gleichgewicht zwischen technischer und handwerklicher Leistung, um eine Lösung neben der anderen. Die mechanische Ausschließlichkeit wollte ja am liebsten alles andere zum alten Eisen werfen.

Für einige einige Ihrer Zeitgenossen galten Sie deswegen als Verräter am Geist der neuen Stilbewegungen. Vom Stil mal abgesehen, war denn der mechanisierte Buchdruck nicht eine gute Möglichkeit, breite Massen statt nur elitäre Kreise mit Literatur zu versorgen? „In die Weite und die Breite zu dringen”?

Riesige Auflagen, möglichst billig an den Mann gebracht, sind ein beklagenswerter Irrtum. Handwerklich betrachtet, ist das Billige das Schlechte, will heißen das Ungeformte, Unedle. Sehen Sie, es müssen die Hände wahrhaftiger und ernster Menschen mit Klugheit und Ruhe an der Arbeit sein, wenn ein edles Ding entstehen soll. Edle Dinge waren selten unter uns. Es waren viel zu viel Dinge, die uns umgaben, als dass sie alle edel sein konnten. Ihnen fehlte der Geist des Handwerks – eine neue Wachheit und Lebendigkeit der Sinne. Die Neue Sachlichkeit drohte das Gesicht der Welt zu ändern, zu entseelen.