Kabel*

Rudolf Koch war kein Anhänger der „mechanisierten Graphik” (Paul Renner), aber er akzeptierte den damaligen Trend zur Grotesk als alternativen Weg zur Schrifterneuerung. 1926 zirkelte er einen Entwurf hin – und fertig war die Druckvorlage für die Kabel. Der Name bezieht sich auf das transatlantische Telefonkabel, damals ein Symbol für die Macht der Technik.

Die Kabel fand keine große Resonanz, weil man von Kochs Schriften eher persönlichen Ausdruck erwartete. Wer meint, eben diesen nicht in der Kabel zu finden, hat etwas übersehen. Selbst mit minimalen Mitteln wie Proportionierung und variabler Gestaltung von Breite und Zwischenraum schaffte es Koch, seine Grotesk zu beleben und ihr ein individuelles Gesicht zu verleihen.

Beim üblichen Vergleich mit dem Nonplusultra Futura wird die Kabel gern als „schnörkelig” abgetan, deswegen fühlte sich Victor Caruso 1976 berufen, das „Missverhältnis” von Versalhöhe und Minuskeln zu eliminieren. Ist demnächst vielleicht damit zu rechnen, dass jemand einen Picasso „optimiert”, weil dessen abstrahierte Gesichter so unharmonisch aussehen?

Heute taucht die Kabel unter diversen Namen und in allerlei Variationen in jedem größeren Font-Paket auf (siehe z.B. Bitstreams Geometric 231 oder Softmakers Koblenz). Die kursiven Schnitte werden kaum noch angeboten, auch die schmalen sind offenbar ein Opfer des Zeitgeschmacks geworden. Eine dekorative Variante der Kabel wurde 1929 geschnitten und erschien unter dem Namen Zeppelin.